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Rede Bundesrätin
Doris Leuthard vom 12.2.2008 in Bern
Flexible Weiterbildung für
eine stabile Zukunft
Bundesrätin Doris Leuthard
Bund Schweizerischer Frauenorganisationen
Modell F
„Frauen waren jahrhundertelang ein Vergrösserungsspiegel,
der es den Männern
ermöglicht, sich selbst in doppelter Lebensgrösse zu sehen.“ (Virginia
Woolf)
Sehr geehrte Frau Präsidentin,
Geschätzte Studierende,
Sehr geehrte Damen und Herren
Ich bedanke mich ganz herzlich für die Einladung. Sowohl als
Wirtschaftsministerin wie auch als Frau freut es mich, dass Initiativen
wie Modell F die berufliche Weiterentwicklung für Frauen in
allen Lebensphasen möglich
machen.
Nur Spiegel zu sein, reicht uns Frauen schon lange nicht mehr.
In den letzten Jahren haben wir auch einiges erreicht:
• Im Bundesrat sind wir heute zu Dritt und mit der Bundeskanzlerin
sogar zu Viert.
• In den Eidgenössischen Räten vertreten heute 28%
Frauen das Volk; vor 4 Jahren waren es noch 25%.
• Technologiekonzerne wie ABB oder RUAG-Aerospace werden von
Frauen geleitet.
• Meinen Ämter für Berufsbildung und Technologie (BBT),
für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), dem Eidgenössischen
Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) und der KTI stehen
Frauen vor.
Gleichzeitig stelle ich mit einer gewissen Genugtuung fest, dass
die Frauenerwerbsquote bei 60% liegt. Etwas differenzierter betrachtet
zeigt sich jedoch, dass 57% dieser erwerbstätigen Frauen einer
Teilzeitarbeit nachgehen. Diese Teilzeitarbeit bedeutet häufig
ungesicherte Arbeitsverhältnisse,
schlechtere soziale Absicherung und geringere Weiterbildungsmöglichkeiten.
Erschwerend kommt hinzu, dass bei einer grossen Anzahl von Frauen
zwischen 30 bis 40 Jahren
aus familiären Gründen ein eigentlicher Beschäftigungsknick
feststellbar ist. In anderen europäischen Ländern ist dies
weniger deutlich sichtbar, weil bessere Rahmenbedingungen im Bereich
der Kinderbetreuung vorhanden sind. Hier müssen wir ansetzen.
Mit einer erhöhten Erwerbstätigkeit
der Frauen könnte, das ist für mich als Wirtschaftsministerin
zentral, das Wirtschaftswachstum in der Schweiz angekurbelt werden.
In ein paar Jahren sind wir froh, wenn wir auf das Know-how und das
berufliche Engagement der Frauen zurückgreifen
können.
Dann werden nämlich die geburtenstarken Jahrgänge, die
wir noch anfangs der neunziger Jahre verzeichneten, im Arbeitsleben
integriert sein. Dann wird uns erst recht der Nachwuchs fehlen, um
das wirtschaftliche Wachstum dauerhaft zu sichern.
3 Bis 2014 wird sich die Zahl der Jugendlichen, die auf den Arbeitsmarkt
treten, um 8% verringern. Die Zahl der über 65-Jährigen
wird hingegen um 15% zunehmen.
Deshalb müssen wir in folgenden Bereichen handeln:
• Bei der Berufswahl und bei der Berufsbildung.
• Bei der Bereitstellung familienfreundlichen Arbeitszeitsmodellen.
• Beim gesamten Weiterbildungsangebot.
Der erste Ansatzpunkt ist die Berufswahl und die Berufsbildung. Es
werden noch viele Berufsentscheide entlang den Klischees der frauentypischen
Berufe gefällt. 2006 haben sich doppelt so viele Frauen wie
Männer
für den Verkauf entschieden; fast 90%
der Lernenden in der Kranken- oder der Körperpflege sind Frauen.
Auch in den Fachhochschulbereichen Gesundheit, Soziales und Kultur
sind die meisten Absolventinnen Frauen. Weshalb ist eine Frau auf
dem Bau, eine Lokomotivführerin, eine Ingenieurin oder eine
Informatikerin immer noch eine Exotin?
Warum schaffen wir es nicht, bei jungen Frauen Begeisterung für
technische, naturwissenschaftliche Berufe zu wecken?
Erfreulich ist dagegen, dass die Frauen heute generell besser ausgebildet
sind. Fast 90% der jungen erwerbstätigen Frauen haben erfolgreich
eine Berufslehre oder die Matura abgeschlossen. Auch im Bereich der
universitären
Bildung haben die Frauen stark aufgeholt. Dennoch sind die Unterschiede
zwischen Frauen und Männern an Fachhochschulen und Universitäten
immer noch bedeutend:
• In den technischen, naturwissenschaftlichen Ausbildungsrichtungen
beträgt
der Frauenanteil an Universitäten und Fachhochschulen
nur rund 12%.
• Nur gerade 20-30% der Frauen besuchen eine tertiäre Weiterbildung.
Eine gute Berufsausbildung ist die Basis für ein erfülltes
Berufsleben. Dies lässt sich optimieren, wenn die Unternehmen
Möglichkeiten anbieten, um
Beruf und Familie noch besser unter einen Hut zu bringen. Deshalb
hat das SECO vor einem Jahr einen Leitfaden für eine familienfreundliche
Unternehmenspolitik insbesondere in KMU erarbeitet. Anhand von Beispielen
aus der Praxis können Betriebe
ausloten, wie sie ihren Mitarbeitenden mit mehr Flexibilität
entgegenkommen, um Work-Life-Balance zu ermöglichen. Ich freue
mich, dass dieses Handbuch auf grosses Interesse stösst und
es bereits eine beachtliche Anzahl guter Beispiele gibt.
Wie wichtig familienfreundliche Arbeitsmodelle in den Unternehmen
und Tagesstrukturen in den Gemeinden sind, zeigt die Statistik. Für
1’000
Kinder unter 7 Jahren stehen in der Schweiz rund 2,5 Krippen zur
Verfügung.
In der Stadt Bern 4 bieten 39 Krippen ihre Dienste an; im ganzen
Kanton Aargau sind es 33 und im Kanton Nidwalden noch 3.
Hier gilt es anzusetzen: Seit Jahren wird diskutiert, der Bund hat
eine Anschubfinanzierung bereit gestellt; bewegt hat sich dennoch
nicht viel. Es braucht mehr Krippenplätze für eine gute
familienexterne Betreuung der Kinder und es braucht mehr Blockzeiten
in den Schulen.
Die Wirtschaft wiederum muss schneller handeln im Angebot von familienfreundlichen
Arbeitsmodellen wie Jahresarbeitszeit, Teilzeitarbeit, Job-Sharing
oder Tele-Arbeit. Wir im EVD haben gehandelt und bieten eine breite
Palette von Möglichkeiten für Job-Sharing, Telearbeit und
Kinderunterstützung an.
Es muss der gesamten Wirtschaft gelingen, Frauen wie Männern – auch
Männer wollen sich mehr der Familie widmen – die Vereinbarkeit
von Familie und Beruf so unkompliziert wie möglich zu offerieren.
Denn ein ausreichendes Angebot an familienfreundlichen Arbeitsplätzen
lohnt sich für Gesellschaft,
Unternehmen und Mitarbeitenden. Familienfreundliche Arbeitsmodelle
werden so zum
Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig gilt es, mit den richtigen Anreizen,
Kaderstellen speziell für Frauen attraktiv zu machen. Auch hier
haben wir im EVD gehandelt und bieten Analysen an, um das Potenzial
der Frauen zu erkennen und sie in die für sie richtige Laufbahn
zu lenken. Wenn wir damit den Frauenanteil im Kader erhöhen – um
so besser. Rund 100 Mitarbeiterinnen haben sich bisher
dafür interessiert. Das Klischee: «Die wollen ja gar nicht» ist
damit klar widerlegt.
Angesichts der demografischen Entwicklung können wir es uns
nicht leisten, das grosse Potenzial der Frauen nicht genügend
zu nutzen. Im Bericht «potenti-ELLE» stellen wir Möglichkeiten
und Massnahmen dar, damit Frauen ihre unternehmerischen Fähigkeiten
verbessern können. Im letzten Herbst konnten
wir an einer nationalen Konferenz einen ersten wichtigen Markstein
setzen. Unternehmen wie die Post, Denner, CSS oder Adecco haben sich
zum Ziel gesetzt, Frauen in Kaderpositionen zu unterstützen.
Jetzt geht es darum, das bisher Erreichte weiterzuentwickeln, die
gesetzten Ziele zu realisieren.
Meine Damen und Herren, nicht nur Work-Life-Balance ist wichtig.
Wichtig ist auch, dass wir familienfreundliche Weiterbildungssysteme
entwickeln. Die EU hat erkannt, dass lebenslanges Lernen unverzichtbar
ist. Fehlendes Wissen ist ein Risikofaktor. Mit der Lissabon-Strategie
wurden für die
Jahre 2007 bis 2013 rund 7 Milliarden Euro für ein entsprechendes
Programm bereitgestellt. Wir in der Schweiz dagegen regeln unsere
Weiterbildung auf vielen verschiedenen Ebenen und in nicht weniger
als 11 Bundeserlassen – sogar im
Tierschutzgesetz.
Das führt zu Doppelspurigkeiten und zu unübersichtlichen
Finanzflüssen.
Dabei wäre die Weiterbildung gerade in unserer ressourcenschwachen
5 Schweiz unabdingbar. Das gilt für alle im Erwerbsleben Beteiligten
ebenso wie für Personen mit Unterbrüchen und ganz besonders
für
bildungsferne Schichten in der Bevölkerung. Wir leben in einer
sich ständig
verändernden Welt, in der die Weiterbildung von höchster
Bedeutung und das ganze Leben lang notwendig ist. Umso wichtiger
wird es, die aktive Bevölkerung besser zu unterstützen,
um die Arbeitsmarktfähigkeit zu
erhöhen, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren und das Know-how
optimal auszuschöpfen.
Entsprechend hat der Bundesrat an seiner letzten Sitzung entschieden,
die Weiterbildungspolitik
gezielt zu untersuchen.
Angesichts dieser Herausforderungen bringt das Modell F eine sehr
konkrete und zukunftsträchtige Lösung. Modell F bietet
zusammen mit Bildungsinstitutionen handfeste flexible Weiterbildungsmöglichkeiten
auf Teilzeitbasis an; vom Gastronomiekoch über die Steuerspezialistin
bis zum Executive Master of Business Administration. Dank Modell
F werden Unterbrechungen auf dem Berufsweg, die Wiedereingliederung
in den Arbeitsmarkt sowie berufliche Neuorientierungen
möglich.
Als zuständige Bundesrätin für die berufliche Bildung
bin ich besonders froh, mit der finanziellen Unterstützung meines
Departements zum Entstehen von Modell F beigetragen zu haben. Dabei
ist Modell F nicht nur ein Ausbildungsmodell und ein praktisches
Beispiel der Gleichstellungspolitik, es ist – angesichts
seiner schnellen und weiten Anerkennung – auch ein Erfolgsmodell!
Die ersten Resultate sind viel versprechend. Bis heute nehmen 15
Ausbildungsinstitute an diesem Modell teil
und bieten insgesamt rund 250 Studiengänge für rund 1‘000
Studierende und Weiterbildungsrichtungen an.
• Modell F zeigt neue Lösungen zur alten Frage: Kinder
oder Karriere?
• Modell F ist die attraktive und flexible Form von beruflichen
Bildungs- und Studiengängen für Erwachsene.
Der Erfolg beweist, dass Bildungs-Projekte zur Förderung der
Gleichstellung von Frauen und Männern gefragt sind. Unsere Volkswirtschaft
ist darauf angewiesen.
Richten wir die Weiterbildung nach den Bedürfnissen der kommenden
Generationen und den Anforderungen der Wissensgesellschaft aus! Es
lohnt sich, das Potenzial der Frauen zu nutzen und besser auszuschöpfen.
Es lohnt sich für ein Unternehmen, für eine bessere Work-Life-Balance
der Mitarbeitenden zu sorgen. Es lohnt sich – für die
Gesellschaft und für
die Wirtschaft –, wenn Frauen mit ihrem grossen Wissen und
ihren besonderen Erfahrungen noch besser am Arbeitsprozess teilnehmen
können. Und es lohnt
sich für jede Partnerschaft, wenn sich beide Teile gemäss
ihren Chancen und Möglichkeiten entwickeln können.
Ich danke Modell F für ihr Engagement und Ihnen für Ihre
Aufmerksamkeit.
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